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Glück gehabt

von Franz Lürbke 

Als ich am 5. Februar kurz nach 14.00 Uhr von Tegel kommend wieder im Flakbarackenlager Velten eintraf, gab es gerade Truppenalarm. Aus meiner Marschkompanie und anderen Einheiten wurden Kompanien für die Oderfront zusammengestellt. Plötzlich und unerwartet fand ich mich zwischen vielen fremden Gesichtern in der neuen Truppe als  MG-Schütze Eins wieder, mit einem antiken MG 15 auf der Schulter. Werner und Walter gehörten leider nicht dazu, sie waren schon einer Panzergruppe zugewiesen worden. Vermutlich wäre auch ich dabei gewesen, wenn ich mich zum Zeitpunkt der Versetzung im Lager und nicht im Lazarett aufgehalten hätte. Schließlich kannte ich den Panzer IV von meiner Grundausbildung in Harderwijck Ende 1943/Anfang 44, und außerdem waren wir ja noch Ende 1944 mit 20 weiteren Kameraden in Erlangen sechs Wochen lang am Panzer V, dem Panther, geschult worden. Werner als Fahrer (das war er in einem P IV auch schon im Afrika-Korps), Walter als Richtschütze, ich als Funker. So aber sollte ich die beiden erst am 28. April unter besonderen Umständen wiedersehen. (Bild:In Berlin im Januar 1945) 

Bei einsetzender Dämmerung fuhren wir auf Lastwagen in östlicher Richtung los. Den Ortsnamen unserer ersten Unterkunft in einer Dorfschule weiß  ich nicht mehr. Mitte März wurden wir jedenfalls in den Raum Crussow bei Angermünde verlegt und gehörten damit zum 3. Regiment der neu aufgestellten 2. E.u.A.-Brigade HG. Unser Kommandeur: Major und Ritterkreuzträger Konstantin Hahm. Wir bekamen moderne MG 42 und haben mit Pionierunterstützung Laufgräben und Bunker in der zweiten Frontlinie, der sogenannten "Wotan-Stellung" gebaut und bezogen. Mit den neuen Maschinengewehren hatten wir unsere liebe Not, es gab viel zu oft Ladehemmung. Einige behaupteten, das hätte mit  der Lackierung der Geschosse zu tun, andere meinten, das käme durch das kriegsbedingt schlechte Material der Gurte. Das Ding hatte, wenn es funktionierte, mit 1.500 Schuss pro Minute jedenfalls eine ungeheure Feuerkraft.

Den Weg nach Angermünde habe ich mehrfach zu Fuß zurückgelegt. Wir mussten dort unsere Verpflegung abholen und das machten wir in wechselnden Gruppen mit Hand- oder Pferdekarren. Dann ist unsere Kompanie zu einem Unterhaltungsabend marschiert, den die in Angermünde liegende Versorgungs-Kompanie mit eigenen Kräften organisiert hatte. In Erinnerung geblieben sind mir noch ein Gesangsquartett ("Komm Brigitte, schenk` uns bitte, Eis, Eis, Eis.."), ein wirklich guter Zauberer und ein Opernsänger, der für seine a capella in den Saal geschmetterten Arien ("Granada" und "Freunde, das Leben ist lebenswert") „Standing ovations“ bekam. Es waren schöne, unbeschwerte Stunden, die das Gefühl des nahenden Untergangs für kurze Zeit verdrängten.  

Schließlich hatte ich noch an einem Tag mit meinem MG-Trupp am Bahnhof  Angermünde einen Sonderauftrag zu erfüllen, wir sollten eine wichtige Ladung gegen feindliche Flugzeuge schützen. Da standen wir drei Landser nun mit unserem auf einem Dreibein montierten MG 42 auf einer Böschung am Bahnhof, unmittelbar vor uns die Wohnbaracken der Reichsbahner, aber von einem besonderen Transport war nichts zu sehen.  Für eine kurzzeitige Alarmstimmung sorgte am späten Vormittag ein russisches Flugzeug vom Typ Po-2, in Anlehnung an das charakteristische Surren des 110-Ps-5-Zylinder-Sternmotors  im Landserjargon entweder „Nähmaschine“ oder „Kaffeemühle" genannt. Der Pilot drehte aber nur über dem Bahnhof eine Runde und flog dann wieder weiter.

Es war zwar ausgesprochen dumm und töricht, aber wir fühlten uns plötzlich überaus stark, wollten Helden sein und so schickte ich eine Salve aus unserem MG hinter der sich langsam entfernenden Maschine her, recht kurz, weil die übliche Ladehemmung eintrat, lange genug, um ein Telefonkabel zu trennen. Der Pilot hatte  zum Glück von unserer Schießwut nichts bemerkt, aber aus den Baracken stürzten sofort zahlreiche Reichsbahner, die uns aufgeregt zuriefen, wir sollten doch um Gottes Willen keinen Angriff provozieren. Dazu hatten wir dann auch keine Gelegenheit mehr, bis zum Abend blieb alles ruhig und wir marschierten wieder zurück zu unserer Stellung. 

Irgendwie erinnerte man sich dann an meinen Erlanger Lehrgang als Funker im Panzer V.  Ich wurde zum Kompanietrupp versetzt und bekam den unserer Kompanie neu zugeteilten „Feldfunkfernsprecher f“. Gebraucht habe ich das Gerät nicht ein einziges Mal.  

Ein oder zwei Abende nach Beginn der russischen Offensive gegen Berlin, kam ein mit Panzerfäusten beladener Lastwagen an unsere Stellung. Die Waffen waren aber nicht für uns bestimmt, Angehörige unserer Kompanie sollten vielmehr an einer abgelegenen Stelle einer versammelten Einheit des Volkssturmes die Geräte erklären und übergeben und ich war mit dabei Die ganze Vorstellung lief dann im Schein von Taschenlampen innerhalb einer Stunde als rein theoretische Schulung ab. Um den Bestand nicht unnötig zu dezimieren, durfte zum Schluss nur ein einziger praktischer Schuss abgegeben werden.  Dabei bin ich fest davon überzeugt, dass die Dinger nicht zum Einsatz gekommen und später unversehrt in die Hände der Russen gefallen sind.

Am 23.April verlegte man unsere Kompanie noch in den Raum Lüdersdorf-Stolzenhagen an die Oder. Wir lösten mit anderen Einheiten unserer Brigade in der HKL Truppen der 1. Marine-Infantrie-Division ab, die zur Verstärkung der Front bei Prenzlau eingesetzt werden sollten. Bei den gegebenen, katastrophalen Transportmöglichkeiten ein geradezu wahnsinniges und sinnloses Unterfangen. 

Der Polder zwischen dem vor dem Ort verlaufenden Kanal für die Schifffahrt und dem weiter hinten liegenden  Fluß war überschwemmt, so dass wir einen sehr breiten Wasserlauf vor uns hatten. Die von Lüdersdorf zum Ufer in Stolzenhagen führende, leicht abschüssige Straße war von der anderen Seite aus einzusehen und konnte daher nur bei Dunkelheit befahren oder begangen werden. Jede tagsüber sichtbare Bewegung wurde von den Russen sofort mit Werfergrananten belegt. Das galt auch für unsere Stellungen im Uferbereich und für den Hang hinter dem Dorf. Hier versuchte an einem Vormittag ein Leutnant, auf halber Höhe halbwegs getarnt, mit seinem Fernglas die gegnerischen Linien zu erkennen. Wir konnten das von unten beobachten und hielten ihn zunächst für verrückt, mussten dann aber doch herzhaft lachen, als die Russen den Hang dann prompt mit Werfergranaten eindeckten und der Leutnant sich mit riesigen Sprüngen in Sicherheit bringen musste.  

Den Ort selbst beschossen die Russen erst bei unserem Abmarsch. Bis dahin konnten wir uns im Schutz der Häuser ungehindert bewegen. Auf dem Marsch nach Lüdersdorf hatten sich übrigens zwei Kameraden im Schutze der Dunkelheit abgesetzt. Zwei Obergefreite als Fahnenflüchtige, wir fanden es unglaublich dumm und befürchteten, dass man sie erwischen und aufknüpfen würde. Im Ort gab es keine Zivilbevölkerung mehr. Alle Bewohner hatten  die Häuser wohl sehr schnell verlassen müssen, die gesamte Einrichtung war zurückgeblieben. In den Schränken noch Kleidung und Nahrungsmittel, in den Kellern Eingemachtes. Uns war es strengstens verboten, irgendetwas anzurühren, die Menschen sollten schließlich alles wieder so vorfinden wie sie es verlassen hatten, wenn die Bolschewiken endgültig verjagt waren.  

Eine ähnlich makabre und für die damalige Lage bezeichnende Situation wie in Angermünde, erlebte ich dann an einem Abend auch hier. Es wurde ein Spähtrupp zusammengestellt der erkunden sollte, ob eine dem gegenüberliegenden Ufer vorgelagerte, durch das Hochwasser entstandene Insel von Russen besetzt worden war. Mit einem Boot sollte der Trupp über die breite Wasserfläche geräuschlos zur sogenannten Insel rudern, die Lage prüfen und dann mit einer Mehrfarbenlampe Signale geben. Rot hieß, Russen anwesend, Grün, die Insel ist unbesetzt. Als ob im Notfall ein rotes Signal überhaupt noch möglich gewesen wäre. Was dann weiter geschehen sollte blieb offen, wir haben es auch nie erfahren, denn zum Glück für alle Beteiligten wurde das Unternehmen unmittelbar vor seinem Start abgeblasen.

Nach dem erfolgreichen Durchbruch der Russen aus dem Stettiner Brückenkopf am 26.April und dem folgenden schnellen Vormarsch in Richtung Prenzlau, wurden wir in der Nacht zum 27. April mit dem rechten Flügel der 3. Panzerarmee von der Oder zurückgenommen. Gegen 04.00 Uhr verließen wir unsere Stellung unter Beschuss in aller Eile und marschierten  hinter den Parsteiner See.

An einem Waldrand bezogen wir zunächst eine unbefestigte Stellung, am Spätnachmittag erreichte uns dann ein weiterer Rückzugsbefehl. Bei Dunkelheit überquerten wir unter Artilleriebeschuss vermischt mit Blitz und Donner die Autobahn Berlin-Stettin und erreichten nach einigen Kilometern bei Joachimsthal den Sammelpunkt, einen kleinen Ort mit einem spärlich beleuchteten, großen  Platz, der an zwei Seiten mit niedrigen Häusern eingerahmt war. Mitten auf der Fläche stand ein Ochsengespann mit Munition und etwas Verpflegung. Genutzt wurde der Wagen dann für den Abtransport überflüssiger Dinge. Mit ihm verschwand in der Dunkelheit nicht nur unser Hauptfeldwebel, der sich marschunfähig gemeldet hatte, sondern auch mein lästiger Fernsprecher.

Zunächst war wohl unklar, wie es weitergehen sollte, dann kam gegen Mitternacht schließlich der Befehl zum Marsch in Richtung Templin. Wir wussten noch nicht, dass die  Russen inzwischen die letzten Stellungen im Raum Prenzlau überrannt, die Oder in breiter Front zwischen Stettin und Schwedt überschritten hatten und auf Templin vorrückten.  Angermünde hatten sie schon in den Mittagstunden des 27. April erreicht.

Zumindest Teile meiner Kompanie sind mit anderen Einheiten unseres Regiments auf dem Rückzug über Templin, Lychen und Fürstenwalde in Richtung Schwerin, noch in schwere Gefechte mit hohen Verlusten auf beiden Seiten verwickelt worden. Beteiligt war daran auch die 10. Kompanie, die unmittelbar neben uns an der Oder in Lunow gelegen hatte. Sie wurde schon einen Tag vor uns, am 26. April, von dort abgezogen und über Wolletz in Richtung Templin in Marsch gesetzt.

Flußabwärts hatte sich ab Stolpe, durch das Hochwasser allerdings ohne direkte Verbindung zu uns, das der Brigade HG unterstellte Fallschirmjäger Ersatz- und Ausbildungsregiment 1 (Regiment Kratzert) mit einer Kompanie angeschlossen.  Ein Offizier dieser Einheit hat später versucht, das tatsächliche Tohuwabohu jener letzten Aprilwoche deutlich zu machen. In seinen Aufzeichnungen findet sich auch der folgende Absatz:

„Die Nacht zum 26. April verlief wieder äußerst ruhig und auch der Vormittag brachte keine Veränderung. Alles was nicht dringend benötigt wurde, wurde nach Welsow in Marsch gesetzt. Ebenfalls auch die Ochsengespanne, mit denen unserTroß bewegt wurde. Ein Hohn der Weltgeschichte: Ochsengespanne im Einsatz in vorderster Linie! In diesen Tagen wurde mir völlig klar, dass wir den Krieg nun endgültig verloren haben. Man kann eben nicht mit unzulänglichen Mitteln gegen eine hochtechnisierte Macht angehen und sie überwältigen. Auch kann man sie nicht mit Lügen und falschen Angaben vernichten, sondern höchstens mit äußerstem Heldenmut aufhalten für eine gewisse Zeitdauer; und das ist in unserem Oderabschnitt geschehen.“  

Mir blieben diese Kämpfe und Katastrophen erspart. Ich verlor, wohl zum Glück, mit dem Kompanietrupp und dem Rest eines Zuges und einem Leutnant an der Spitze noch in der Nacht zum 28. April den Anschluß an die Kompanie. Wir marschierten mehrfach im Kreise herum, warteten an einem vereinbarten Treffpunkt noch bis zum Morgengrauen und gaben dann die Suche auf. Der Leutnant war zunächst unschlüssig, aber dann tat er das, was um uns herum ungezählte andere Soldaten auch machten, er begann mit uns in Richtung Westen zu marschieren. 

Wir waren vielleicht zwei, drei Stunden unterwegs, da kam uns  plötzlich in Gollin auf der Straße ein Kübelwagen entgegen, am Beifahrersitz stehend Major Hahm, unser Regimentskommandeur, unübersehbar das Ritterkreuz. Er fauchte den Leutnant böse an, wo er den schriftlichen Rückzugsbefehl habe, drohte mit dem Kriegsgericht, den damit verbundenen schlimmsten Konsequenzen und gab den Befehl zur sofortigen Umkehr zur Front. Er selbst fuhr dann auch in diese Richtung, wohl in der Hoffnung, noch etwas retten zu können, es blieb ihm dann aber auch nur der Rückzug. Am nächsten Abend ist Konstantin Hahm, der noch im März in Joachimsthal geheiratet hatte, gefallen. Kommandeur des 4. Regiments unserer Ersatzbrigade war zu diesem Zeitpunkt Major Ilius. Er kam in russische Kriegsgefangenschaft, überlebte aber und baute ab 1959 in Schwelm eine Generalagentur der Nordstern-Versicherungen auf. Leider habe ich auch das erst vor kurzer Zeit erfahren, ich konnte ihn daher nicht mehr besuchen, er ist vor einigen Jahren verstorben.

Der Leutnant reagierte an jenem Morgen jedenfalls wie befohlen. Aber hinter seinem Rücken verschwand einer nach dem anderen aus der Gruppe in einem dichten Gebüsch, das seitlich den Bürgersteig in der gesamten Straßenlänge zu einer hohen Mauer abgrenzte. Dann setzten wir in kleinen Gruppen den Rückzug vorsichtig wieder fort.

Offiziell wurde an diesem 28. April die gesamte Front in unserem Abschnitt   hinter den Havel-Voß-Kanal zurückgenommen. Wieder sollte vermieden werden, dass kämpfende Einheiten  im Rücken abgeschnitten würden. Generaloberst Heinrici hatte zunächst auch für diesen Rückzugsbefehl die Zustimmung des Oberkommandos der Wehrmacht erbeten. Sie wurde ihm jedoch wie am Tag zuvor von Generalfeldmarschall Keitel, der am 24. April noch mit dem OKW von Berlin nach Neu-Roofen bei Fürstenberg umgezogen war, brüsk verweigert.

Heinrici erteilte trotzdem auch diesen Befehl und musste sich dafür am Nachmittag des 28. April bei Neustrelitz auf offener Straße von OKW-Chef Keitel heftigst beschimpfen lassen, inmitten einer Front, die sich rundherum aufzulösen begann. Mehr als 100.000 Soldaten flüchteten schon zu diesem Zeitpunkt vor der mit Menschen und Material weit überlegenen Roten Armee in Richtung Westen und es gab keine Möglichkeit mehr, sie aufzuhalten. Der Krieg sei zu Ende, der Soldat habe gesprochen, meldete am Abend Armeechef General von Manteuffel der Heeresgruppe. Die Truppe marschiere in geschlossener Ordnung nach Hause, soll Heinrici dazu festgestellt haben. Als der am Abend dann auch noch Swinemünde eigenmächtig räumen ließ, wurde er kurz vor Mitternacht in einem Telefongespräch von Keitel für abgesetzt erklärt und mit dem Kriegsgericht bedroht. Dazu kam es dann allerdings nicht mehr.

Wenige Stunden später, in der Nacht zum 29. April, musste das OKW das Gut Neu-Roofen vor den heranrückenden Russen in aller Eile verlassen. Keitel und Jodl versuchten zunächst noch einmal weiter westlich ein neues Hauptquartier einzurichten, sie gingen aber im allgemeinen Chaos unter und flüchteten nach Schleswig-Holstein. Dem Führerhauptquartier in Berlin hatten sie gerade noch mitteilen können, dass nun alles verloren sei.
                                                                                                             Mir bescherte der 28. April ein unerwartetes Wiedersehen. Schon kurze Zeit nach der „Trennung“ von unserem Leutnant, entdeckte ich hinter einer Panzersperre an der Straße von Gollin nach Vietmannsdorf zufällig eine Panzerbesatzung, die den mit Motorschaden halb im Graben liegenden Panzer IV für eine Sprengung präparierte. Zu meiner Freude mit dabei, die alten Freunde Werner Eggers und Walter Michaelis, außerdem Gerd Mayer, mir noch aus Erlangen bekannt, und der Panzerkommandant, Unteroffizier Rudolf Schmidt. Nur der Ladeschütze fehlte, er war am Tag zuvor unter unglücklichen Umständen aber ohne ein Verschulden des Fahrers vom eigenen Panzer überrollt worden. Rudolf zeigte mir den Brief, den er den Eltern schicken wollte, dem darin geschilderten „Heldentod" fehlte allerdings der Bezug zur Wirklichkeit.

Zeitlich gelang  die Sprengung noch unmittelbar vor der Schließung der von Volkssturmmännern besetzten Sperre. Zu spät kamen ein paar Offiziere der Waffen-SS, die der Meinung waren, das intakte Geschütz des Panzers hätte sich noch gegen die Russen einsetzen lassen. Weil die aber schon in unmittelbarer Nähe zu sein schienen, fand der Streit ein schnelles Ende, alle wollten nur noch eiligst weg. Bis auf die Volkssturmmänner, die blieben mit ein paar Gewehren hinter der Sperre und sahen in ihren zivilen Mänteln mit der Armbinde "Volkssturm" ziemlich verlassen aus. Was mögen die sich beim Anblick der flüchtenden Soldaten nur gedacht haben. Es war jedenfalls eine makabre Situation und ich kann nur hoffen, dass die Männer die wirkliche Lage erkannt haben und  letztlich auch noch  abgehauen sind.

Fast zur gleichen Zeit wurde ein paar Kilometer weiter südlich Hermann Görings Jagdschloß "Carinhall" von Soldaten der Wachkompanie zerstört. Ein Angehöriger des Sprengkommandos setzte sich unmittelbar nach der Sprengung in Richtung Gollin ab. Während seiner Dienstzeit in "Carinhall" hatte er in Gollin eine junge Frau kennengelernt und sich mit ihr verlobt. Aber der kurze Weg zu seiner Braut wurde ihm zum Verhängnis. Wenige Meter vor dem Ziel wurde er von russischen Soldaten gestellt und erschossen. Mein Sturmgewehr 44 hatte ich im Panzer entsorgt, als Waffe genügte mir die Pistole des toten Ladeschützen. Eine schwarze Uniformhose, die noch im Panzer gelegen hatte, ließ mich für den weiteren Weg wenigstens zur Hälfte wie ein Panzersoldat aussehen. Die dazu gehörende Jacke war leider für mich zu klein.

Gemeinsam sind wir fünf "Panzersoldaten", nur unterbrochen von kurzen Schlafpausen, in Richtung Elbe marschiert. Am Spätnachmittag zunächst mitten in einem Flüchtlingstreck die ganze Nacht und den folgenden Vormittag bis Menz, dann weiter nach Rheinsberg, das am 29. April um 20.30 Uhr kapitulierte. Am 30. April nachmittags erreichten wir Wittstock. In der Ortsmitte wurden wir von einem Offizier mit bewaffnetem Begleitkommando aufgefangen und zur Bildung einer Kampfeinheit mit zahlreichen anderen Versprengten auf einem  Schulhof festgesetzt. Die Soldbücher mussten wir abgeben. Wir hatten aber nicht die Absicht, uns in diesem zusammengewürfelten Haufen in letzter Minute noch als Kanonenfutter verwenden zu lassen und nutzten als Ausweg den Sprung über die Hofmauer. Durch eine zufällige Begegnung zwischen flüchtenden Soldaten erfuhren wir  am nächsten Tag, dass der Offizier sich mit seinem Kommando kurz nach unserem „Abgang" vor den schnell  heranrückenden Russen eiligst abgesetzt und die eingesammelten Soldbücher einfach auf den Hof geworfen hatte.

Ohne Soldbücher glaubten wir auf dem weiteren Weg zur Elbe Situationen dieser Art natürlich vermeiden zu müssen. Wir hielten uns daher von Orten und Straßen möglichst fern, die entsicherten Pistolen griffbereit. Woher sollten wir wissen, dass die fluchtartigen Absetzbewegungen von der Führung der Heeresgruppe und den Armeechefs schon seit zwei Tagen als unabänderlich toleriert wurden.

Hinter einem kleinen Ort fanden wir in der einsetzenden Dämmerung ein etwas abseits gelegenes Haus, umgeben von einem eingezäunten Garten. Wir  brauchten Trinkwasser und versuchten uns bemerkbar zu machen. Schließlich kam eine Frau in mittleren Jahren an den Zaun. Sie machte uns sofort unmissverständlich klar, was sie von Soldaten hält, die davonlaufen, statt die Russen aufzuhalten und zu vertreiben: Gesindel allemale. Wir verzichteten darauf ihr zu erklären, dass da weder etwas aufzuhalten noch zu vertreiben war und behaupteten, wegen der Übernahme eines Panzers unterwegs zu sein. Sie blieb misstrauisch, gab uns aber was wir brauchten. 

Der 1. Mai verlief ohne besondere Ereignisse, als uns dann aber in den frühen Morgenstunden des 2. Mai die Nachricht vom Tode Adolf Hitlers erreichte, da mochten wir es zunächst nicht glauben. An der Spitze der Verteidiger von Berlin sei er kämpfend gefallen, hieß es. Nach kurzer Sprachlosigkeit wollten wir ihm dafür einen Abgang mit Anstand zugestehen. Viel Zeit verschwendeten wir damit aber nicht, denn in unsere Diskussion platzte die für uns viel wichtigere Nachricht, dass die alliierten Truppen aus ihrem Brückenkopf bei Lauenburg in östlicher Richtung schnell auf Ludwigslust vorrücken würden. Entstand da für uns ein besserer Weg in den Westen? 

Rudolf Schmidt hatte Generalstabskarten in seiner Schultertasche. Wir konnten uns über Straßen und Wege also bestens informieren und hatten schon am Anfang unseres „Rückzuges" beschlossen, uns auf dem kürzesten Weg zur Elbe zu bewegen, grobe Richtung Wittenberge. Die Frage, wie der Fluss zu überwinden war, schoben wir vor uns her, nur erst mal da sein. 

Jetzt, fast schon am Ziel, sahen wir die Lage realistischer, aus eigener Kraft würden wir da niemals rüber kommen. Schnell einigten wir uns daher darauf, den alliierten Vorstoß als Geschenk des Himmels anzunehmen und über Grabow nach Ludwigslust, notfalls auch weiter bis zu den amerikanischen Linien in Richtung Lauenburg zu marschieren. 

Wegen der etwas längeren, in nördlicher Richtung verlaufenden Strecke, legten wir ein ziemliches Tempo vor, gönnten uns kaum noch Pausen und erreichten am Abend Grabow. Der Ort bot in einem Meer von weißen Tischdecken und Bettüchern einen für uns höchst bemerkenswerten, aber auch beruhigenden Anblick. Wenn der Wunsch zur Kapitulation so deutlich und offensichtlich ohne Folgen gezeigt werden durfte, dann war die alte Ordnung hier zu Ende, dann konnte uns eigentlich nichts mehr passieren. Am Straßenrand stehende Anwohner erzählten uns aufgeregt, man habe den bereits in Ludwigslust angekommenen Amerikanern eine Abordnung mit dem Auftrag entgegen geschickt, Grabow kampflos zu übergeben. Die heiß herbeigesehnten westlichen Sieger machten davon aber keinen Gebrauch, stattdessen rückten am nächsten Tag, am 03. Mai, die Russen ein.

Wir hatten es besser, konnten uns von Waffen und Ärmelstreifen trennen und passierten nur mäßig kontrolliert zwischen vielen anderen Soldaten noch vor Mitternacht in Ludwigslust die Frontlinie der amerikanischen Streitkräfte. Möglich geworden war dieser unerwartet problemlose Übergang durch eine schriftliche Vereinbarung, die der Chef der 21. Armee, General von Tippelskirch, dem Kommandeur der 82. US-Luftlandedivision, General Gavin, erst wenige Stunden vorher in schwierigen Verhandlungen abgerungen hatte.   

Die Amerikaner wollten das ursprünglich nicht zulassen. Sie vertraten vielmehr die Meinung, wer gegen die Russen gekämpft habe, gehöre in russische Kriegsgefangenschaft. Nach dieser Vereinbarung aber konnte die Führung der 21. Armee vom Flugplatz Neustadt aus den Rückzug leiten, bis am Mittag des 03. Mai russische Panzer auftauchten. Über 100.000 Soldaten hatten sich bis dahin tatsächlich vor der „Roten Armee“ in Sicherheit gebracht.

Ähnliche Absprachen gab es auch nördlich von uns, im Gebiet der 3. Panzerarmee unter General von Manteuffel und, unter schwierigeren Bedingungen, bei der 12. Armee unter Generalleutnant Wenck im südlichen Anschluss. Hier musste die Elbe mit eigener Kraft und ohne jegliche Hilfeleistung durch die am Westufer stehenden amerikanischen Truppen überwunden werden. Zum allgemeinen Entsetzen durften die Trecks der Flüchtlinge nicht mit über den Fluss. 

Dass die Alliierten nicht überall so entgegenkommend waren, bekamen in Böhmen die Soldaten der 1.Panzerarmee zu spüren. Sie wurden nicht durch die geschlossenen Frontlinien der amerikanischen Streitkräfte gelassen und fielen den Russen oder den  Partisanen in die Hände. Alle Versuche der deutschen Armeeführung, eine Lösung wie in Mecklenburg und Brandenburg zu erzielen, waren zuvor an der Naivität der Amerikaner gescheitert.

Hinter Ludwigslust trennten wir uns. Werner, Walter und Rudolf wollten sich ohne Vorbehalt in Kriegsgefangenschaft begeben. Ich ließ mich von Gerd Mayer dazu überreden, den direkten Weg nach Hause wenigstens zu versuchen, er hatte es nämlich bis Uelzen nicht mehr allzu weit. Wie das anzustellen war, davon hatten wir in diesem Augenblick überhaupt noch keine blasse Ahnung, wir vertrauten einfach auf den Zufall und auf viel Glück. Außerdem behauptete Gerd, die Lüneburger Heide wie seine Westentasche zu kennen. Davon war zu meiner großen Enttäuschung aber später überhaupt keine Rede mehr.

Nach den tagelangen Eilmärschen wollten wir uns zunächst am Straßenrand etwas Ruhe gönnen. Von amerikanischen Posten wurden wir aber sofort dazu gedrängt, uns weiter in Richtung Elbe zu bewegen, sonst müssten wir doch noch zu den Russen. In diesem Augenblick standen vor uns auf der Straße gerade die Fahrzeuge einer intakten Flakkompanie, es fehlten nur die irgendwo zurückgelassenen Geschütze. Auf unsere Bitte hin wurden wir nicht nur freundlich mitgenommen, sondern in den folgenden Stunden auch bei der Verteilung der noch reichlich vorhandenen Verpflegungsbestände berücksichtigt. 

Langsam rollten wir, in einer unübersehbaren Menschen- und Fahrzeug-Kolonne, über die B5 bis fast nach Lauenburg, mehrfach gefilzt und nach Uhren durchsucht. Mir ist es allerdings gelungen, meine damalige Uhr, eigentlich die Taschenuhr meines Vaters mit einer Widmung meiner Mutter aus dem Jahre 1913, in einem Jackenzipfel versteckt nach Hause zu bringen.  

Am Nachmittag ging es auf der verstopften Straße nicht mehr weiter. Vor dem Elbe-Lübeck-Kanal  mussten wir die Fahrzeuge verlassen und  sollten uns, mit allem was da sonst noch anmarschierte, auf die Felder neben der Straße begeben, Offiziere links, Mannschaften rechts. Weil wir beide, Gerd und ich, vortäuschten verwundet zu sein, ließ man uns weiterziehen. Zwischen den Pferdewagen der Flüchtlingstrecks kamen wir über Pontonbrücken zunächst über den Elbe-Lübeck-Kanal und dann über die Elbe. Auch hier Soldatenmassen, die gesammelt, sortiert und als schier endlose Kolonnen Richtung Lüneburg in Bewegung gesetzt wurden.

In der Dunkelheit flüchteten wir aus der nur mäßig bewachten Truppe in einen Wald. Mit dabei war noch als Dritter ein Waffen-SS-Angehöriger, in Werl beheimatet und für mich wichtig, weil er mir das Gefühl gab, ab Ülzen nicht alleine weiterziehen zu müssen. Wir versuchten die ganze Nacht, den nächsten Tag und eine weiter Nacht vergeblich, durch Busch und Heide an Lüneburg vorbei in Richtung Ülzen zu kommen. 

Als wir am 5. Mai in der Frühe durchgefroren und hungrig aufgeben wollten, trafen wir am Stadtrand von Lüneburg drei hilfsbereite junge Mädchen, die uns mit Brot versorgten. Sie machten uns mit flotten Sprüchen wieder Mut: „Ihr wollt doch nicht in Gefangenschaft, Euch von Negern bewachen lassen, hungern und frieren! Wer seid Ihr denn?!". Außerdem schickten sie uns zu einer Adresse, wo wir uns tatsächlich aus einem Kleiderschrank Zivilklamotten aussuchen durften. Für meine langen Beine war natürlich keine passende Hose dabei, ich musste es also bei meiner schwarzen Panzerhose belassen. Eine in der Ärmellänge etwas zu kurze graue Leinenjacke, ein dunkles Hemd, ein roter Schal, verliehen mir trotzdem ein recht unsoldatisches Aussehen. 

In Lüneburg gab es eine Gemeinschaftsküche zur Versorgung der Flüchtlinge, aber auch wir bekamen eine kräftige Suppe. Während des Essens lernten wir drei Krankenschwestern und drei Sanitäter kennen,  die mit einem Pferdewagen unterwegs waren. Wir  verließen gemeinsam mit der Gruppe dann schleunigst Lüneburg weil Gerüchte aufkamen, die Stadt werde umstellt und nach deutschen Soldaten durchsucht. Am Abend  übernachteten wir in sicherem Abstand von Lüneburg in einer Scheune, am nächsten Tag ging es über die Straße Lüneburg-Ebstorf-Hansen weiter in Richtung Süden. Bei Ebstorf verabschiedete sich Gerd Mayer, der, wie er mir später schrieb, auf dem letzten Stück noch erhebliche Schwierigkeiten hatte, Militärstreifen und randalierenden Fremdarbeitern auszuweichen.

Kurz danach gerieten wir in eine Straßensperre. Neben der Straße ein eingezäunter Bereich, voll mit aufgegriffenen deutschen Soldaten. Der Wagen wurde untersucht, die Schwestern, die Sanitäter verhört, es dauerte lange bis uns dann doch noch auf wundersame Art die Weiterfahrt gestattet wurde. 

Während der ganzen Prozedur hatten die Kontrolleure meinen SS-Kameraden und mich keines Blickes gewürdigt, sie hielten uns in unseren merkwürdigen Klamotten wohl für Fremdarbeiter, wir konnten das Glück kaum fassen. Schließlich trennten wir uns am Spätnachmittag von der Sanitätstruppe, die weiter nach Braunschweig wollte. Über Celle, Burgdorf und Lehrte kamen wir nach zwei Tagen zur Autobahn, auf der wir weiter heimwärts marschierten. Wir übernachteten in Bauernhöfen und wurden  immer  auch recht ordentlich versorgt.Am Abend des 8. Mai erfuhren wir auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide von der bedingungslosen Kapitulation. Es war ein schöner, lauer Abend und wir saßen nach einem guten Abendessen recht zufrieden hinter dem Haus zusammen mit ein paar Frauen  aus dem Ruhrgebiet, die mit ihren Kindern vor den Bombenangriffen hierher geflohen waren. Als es dunkel wurde, veranstalteten  in der Nähe liegende, britische Soldaten mit ihren Handfeuerwaffen ein kleines Freudenfeuerwerk. „Die freuen sich und was ist mit uns“, fragte eine der Frauen. Nun spielten die Kriegshandlungen für uns, die wir hier zusammen waren, ohnehin schon keine Rolle mehr, was immer zu dieser Zeit noch passierte, wo immer noch geschossen wurde. Aber nach mehr als fünf Jahren einer schrecklichen, mörderischen Auseinandersetzung, eines von seiner Ausdehnung her kaum erfassbaren Weltkrieges, war dieser Augenblick schon von besonderer Bedeutung. Wir hatten den Krieg verloren, waren von der Gnade der Sieger abhängig. „Genieße den Krieg, der Friede wird schrecklich“, war ein gängiges Schlagwort in den letzten Monaten gewesen. Und nun war er da, der Frieden, wenn auch noch nicht in der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes nach einem Krieg. Wir hatten kapituliert, die Waffen schwiegen, aber Frieden, Frieden wollte man noch längst nicht mit uns schließen, das sollte noch viele Jahre dauern. Was aber trotzdem aus uns wurde, das konnte nun damals wirklich keiner vorhersehen, hätte es einer geahnt und gesagt, er wäre für verrückt erklärt worden.

Dann machten die Gedanken über Krieg und Frieden sehr schnell wieder Platz für die viel näher liegende Frage zu dem weiteren Weg nach Hause. Wir rechneten noch mit mindestens einer Woche und was konnte da noch alles passieren. Schon am nächsten Abend, als wir hinter einem kleinen Bauernhof in Burgdorf saßen und die Füße in Schüsseln mit Wasser kühlten, stürmte eine ausgelassene Gruppe englischer Soldaten auf uns zu. Mir fuhr der Schreck in die Glieder, denn ich hatte ja nach wie vor keinen Ausweis in der Tasche. Aber sie waren nur auf der Suche nach dem Bauern und nach Eiern. Wir zeigten ihnen den Weg zum Stall. Fast schon im Weiterlaufen fragte einer: „Germans?“ und ich sagte: „No, Hollanders!“  „Oh, Hollanders! The war is over!“ klang es fröhlich zurück und ich rief ebenso fröhlich hinterher: „That`s good, that`s very, very good!“

Ein Freibrief für den weiteren Weg war das nicht, aber es ging gut. Es gab verschiedene Kontrollen von englischen und amerikanischen Soldaten, doch keiner wollte mir wohl letztlich Schwierigkeiten machen. So erreichte ich, am letzten Tag ab Unna noch mit einem Fahrrad ausgestattet, am 14. Mai die elterliche Wohnung in Wuppertal-Elberfeld. Glück gehabt, könnte man sagen, wenn es denn so war!